Audi e-tron GT

Veröffentlicht am 05.06.2020 in Kategorie: fahren
Audi e-tron GT
so fährt Audi in die Zukunft

Deutschlands erster Tesla-Model-S-Gegner Zwei Jahre lang darf Tesla noch das Monopol des Model S auskosten. Dann hat Audi den e-tron GT serienreif. Los Angeles. Entzückt wird Elon Musk vermutlich nicht sein, wenn er die Fotos vom Audi e-tron GT sieht oder sich die schnittige Sportlimousine aus Deutschland gar selbst auf der Los Angeles Auto Show anschaut. Dort feiert der e-tron GT gerade seine Weltpremiere. Offiziell gilt das Auto noch als Studie. Doch Designchef Marc Lichte ließ bereits durchblicken: „Zum Serienmodell gibt es so gut wie keinen Unterschied. Höchstens an den Anbauteilen an Front und Heck nehmen wir noch ein paar Retuschen vor.“

Das Konzept:

Lichte, dessen Karriere einst bei Volkswagen mit dem Golf V startete, gelang mit dem e-tron GT ein absoluter Eye-Catcher. Er selbst behauptet sogar, es „sei das schönste Auto, das er je gezeichnet hat“. Mit 4,96 Metern hat die viertürige Coupé-Limousine etwa die Länge des A7, bleibt dabei aber sechs Zentimeter flacher. Kurze Überhänge und die großen 22-Zoll-Räder schaffen perfekte Proportionen, egal, aus welchem Blickwinkel man den GT betrachtet. Es sieht einfach klasse aus.

Audis elektrische Oberklasse-Limousine gilt als der erste wirkliche Gegner des Tesla Model S. Doch mindestens noch zwei Jahre schöpft das kalifornische Unternehmen die Kaufkraft wohlhabender Öko-Kunden alleine ab und wird bis dahin weit über 400.000 Model S im Markt haben. Die Aufholjagd für Audi dürfte anstrengend werden. „Die deutschen Hersteller haben das Thema der E-Mobilität zu spät erkannt“ sagt Stefan Bratzel, Autoexperte am Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, „Tesla ist ihnen um Jahre voraus. Damit haben sie bislang nicht nur Imagepunkte, sondern bereits auch Marktanteile verloren.“ Denn auch BMW und Mercedes sind nicht vor 2021 mit ersten Elektro-Limousinen im Business-Segment auf der Straße. Bis dahin fährt sogar Teslas Model 3 ohne Konkurrenz. Die Mittelklasse-Limousine entwickelt sich gerade zum meistverkauften Elektroauto der Welt. Stefan Bratzel jedoch sieht das Ganze als eine Art Langstreckenrennen. „Wenn die neuen Modelle bei den Kunden punkten, könnten die deutschen Hersteller die Rückstände bis etwa 2025 aufgeholt haben“, so der Branchen-Experte.

Die Technik:

Der e-tron GT teilt sich technisch die Architektur (J-Plattform) mit dem Porsche Taycan. Sie ist allerdings noch nicht die finale Lösung für die elektrische Zukunft im Volkswagenkonzern. Unter dem Kürzel PPE, was für englisch Premium Platform Electric steht, arbeitet man derzeit an einer komplett skalierbaren und modularen Architektur, die dann gemeinschaftlich von Porsche, Audi, Bentley und Lamborghini genutzt werden soll. Sie passt für größere Limousinen, Sportwagen, SUVs und Crossover-Modelle. Darunter kommt die MEB-Architektur zum Einsatz.

Eine der größten Herausforderungen für Ingenieure und Designer war die niedrige Silhouette des e-tron GT. Während man ein elektrisches SUV aufgrund seiner Bauhöhe viel einfacher mit dicken Batterien-Paketen bestücken kann – dies war unter anderem auch ein Grund dafür, warum Audi, Jaguar und Mercedes ihre ersten Stromer als SUV konzipierten –, wurde beim GT um jeden Millimeter an Höhe gekämpft und ein enormer technischer Aufwand getrieben. Motto: Je niedriger das Auto, desto anspruchsvoller das Batterie-Package. Das dürfte sich nicht jeder Hersteller leisten wollen oder können. Marc Lichte ist sich daher sicher: „Flachboden wird das nächste Premium“.

Die Batterie:

Im Boden des e-tron GT steckt ein Energieinhalt von 96 kWh. Nutzbar sollen mindestens 90 kWh sein und eine Reichweite von über 400 Kilometern ermöglichen. Um dem Premium-Kunden eine möglichst kurze Rast an der Ladesäule zu ermöglichen, übernahm Audi von Porsche das 800-Volt-System, bislang eine Ausnahme in der Szene. Alle anderen E-Fahrzeuge sind mit 400 Volt unterwegs. Vorteil der Hochvolt-Strategie: Es können wesentlich höhere Ströme übertragen werden und so die Ladezeiten deutlich verkürzen. An den 350-kW-Säulen, die Audi mit Partnern als Gemeinschaftsunternehmen Ionity europaweit alle 120 Kilometer aufstellen will – bis Ende 2020 soll es 400 sein – kann der e-tron GT in weniger als 20 Minuten zu 80 Prozent gefüllt werden. Dies reicht aus, um weitere 320 Kilometer mobil zu sein.

Der Innenraum:

Auch im Interieur versucht Audi, andere Wege zu beschreiten. Hiermit ist nicht das mittlerweile, bei den Ingolstädtern übliche Black-Panel-Design gemeint, das ein fast schalterfreies Cockpit ermöglicht. Vielmehr will man mit Nachhaltigkeit und Ressourcen-Schonung beim öko-bewussten, aber technikaffinen Kunden punkten. Designchef Lichte bezeichnet den Innenraum des e-tron GT als „vegan“. Statt mit den sonst für Luxus stehenden Rinderhäuten ist das Interieur mit Recycling-Stoffen und Alcantara ausgeschlagen. Die Zutaten der Teppiche schwammen einst im Meer – als Fischnetze.

 

Von Michael Specht

 

Foto: Audi

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