Viva Las Vegas

Veröffentlicht am 28.03.2020 in Kategorie: fahren
Viva Las Vegas

Ein Rundgang auf der CES in Las Vegas gleicht einer Zeitreise in die Zukunft. Das zeigt sich besonders bei den Interieurs. Mit heutigen Cockpits hat das so gut wie nichts mehr zu tun.

Ein 48 Zoll großer Bildschirm hat ja schon zu Hause die Dimensionen eines Heimkinos. Der chinesische Fahrzeughersteller Byton – er baut ausschließlich Elektroautos – packt diese Display-Größe nicht etwa in irgendeine Studie, sondern in sein erstes Serienauto, dem M-Byte. Der Bildschirm in dem SUV spannt sich über die komplette Innenraumbreite und lässt jedes Auto heutiger Bauart wie ein Oldtimer aussehen. Allerdings: Das 1,22 Meter breite Display ist kein Touchscreen. Für die Bedienung sitzt im Lenkrad extra ein kleines Tablet, „Hat kein anderer“, sagt Byton-Boss Carsten Breitfeld, ein ehemaliger BMW-Entwickler. Mit einem zweiten Touchpad zwischen den Vordersitzen kann auch der Beifahrer das Hauptdisplay bedienen.

Die Chinesen nehmen hier einen Trend vorweg, der sich zunehmen auch bei anderen Autoherstellern herauskristallisiert. Dies zeigt die CES-Messe deutlich. „Hard Keys“ verschwinden weitgehend, die Cockpits werden puristischer, aufgeräumter, eleganter. Die Bedienung erfolgt per Sprache, per Gestik oder per Touch. Noch in der Entwicklung befinden sind intelligente, berührungsempfindliche Oberflächen, sogenannte „Smart Surfaces“. Wie schick so etwas aussehen kann, zeigt Faurecia. Der französische Systemlieferant setzt sein „Cockpit der Zukunft“ nicht in irgendein offenes Schnittmodell, sondern verbaut es 1:1 in einen Volvo XC 90. Streicht die Hand über das Holz auf der Mittelkonsole oder über Stoffe an den Türen, wird eine Schaltfläche sichtbar. Sie ersetzt konventionelle Knöpfe und Schalter. Dieser „Verschwinde-Effekt“, wie Entwickler Andreas Wlasak es nennt, lässt mehr Funktionen im Auto zu, ohne das Cockpit zu überfrachten und wie im Flugzeug aussehen zu lassen. Purismus-Anhänger dürfte das gefallen.

Freude wird auch bei Akustik-Freaks aufkommen. Denn Faurecia nutzt erstmalig in einem Auto das sogenannte Sound-Beaming. So können Fahrer und Beifahrer unterschiedliche Musik hören, ohne den anderen zu stören. Auch das Telefonieren ist möglich, während die zweite Person beispielsweise ein Hörbuch genießt oder einen Film anschaut. Die Entwickler des französischen Systemlieferanten haben sogar Lautsprecher ohne Membrane verbaut und nutzen dafür die Stoffe der Innenverkleidungen.

Einen Schritt weiter gehen die Interieurs bei autonom fahrenden Autos auf Level 4 und 5. Bei Letzterem braucht es nicht einmal mehr Lenkrad und Pedale, womit sich völlig neue Freiheiten in der Gestaltung ergeben. Die vorderen Sitze sind drehbar, um den hinteren Gästen gegenüber sitzen zu können. Und weil in der Welt des autonomen Fahrens Zeit generiert wird, die man eben nicht wie sonst stupide hinter dem Lenkrad vergeudet, liefern sich die Hersteller einen Wettkampf um das beste In-car-Entertainment. Es gilt, die Insassen auf längeren Touren nicht in Langeweile verfallen zu lassen. Interieurs werden zu Lounges und Wellness-Oasen umgestaltet. Man kann sich schlafen legen, sich massieren lassen, lesen, mailen, telefonieren, arbeiten oder einfach mal gar nichts tun. Doch Letzteres scheint nicht wirklich im Sinne der Erfinder zu liegen. Beispiel Hyundai. Die Koreaner glauben sogar, dass Kunden später einmal während der autonomen Fahrt online shoppen und sich den Einkauf per Drohne zum Auto fliegen lassen. Oder dass Architekten am Tablet zeichnen und ihren Entwurf auf das riesige Display im Armaturenbrett spiegeln.

Dass es manchmal ein Stück zu weit geht mit der Fantasie der Entwickler, zeigt im Hyundai-Cockpit der „Sport“-Button. Wird er gedrückt, geht es nicht wie früher knackiger um die Kurve. Jetzt öffnen Klappen unter dem Armaturenbrett die Zugänge zu aufrollbaren Ruderseilen. Gezogen wird an einem T-förmigen Griff. Das Seil soll beispielsweise als Warm-up auf dem Weg zum Fitness-Center dienen.

Damit selbst dann keine Langeweile aufkommt, wenn der Wagen im Stau steht oder der Chauffeur auf den Chef wartet oder man sein E-Auto an die Ladesäule anschließt, ließ sich Audi großes Kino einfallen. Synchron zu den Filmsequenzen wird im Topmodell A8 über kleine Elektromotoren an jedem Rad das Aktiv-Fahrwerk angesteuert. Ebenso einbezogen sind die Belüftung, die Vibrationssitze, das Ambiente-Licht und die Lautsprecher. Untern Hintern zittert es mit bis zu 200 Hertz, es schaukelt und rüttelt wie früher bei i-Maxx-Vorführungen. Die Ingolstädter denkt sogar darüber nach, diese immersive Technik eines Tages als Extra anzubieten.

Um uns in der Welt des autonomen Fahrens und der Künstlichen Intelligenz (KI) zurecht zu finden, werden wir in Zukunft auch viele Abkürzungen lernen müssen. Eine davon heißt READ und kommt von Kia. Es steht „Real-time Emotion Adaptive Driving“ und ist eine der weltweit ersten interaktiven Interieur-Technologien, die sich an menschlichen Gefühlen orientiert. READ analysiert die Stimmung des Fahrers in Echtzeit und bietet dann verschiedene Wohlfühlszenarien. Ob und welche Art von Musik gespielt oder die Massagefunktion aktiviert wird oder welcher Film am besten zur Gefühlslage passt.

Bereits fest in der heutigen Wirklichkeit angekommen ist die Sprachbedienung. Amazon Alexa und Google Assist ziehen in die automobile Welt ein. Gegenüber Berührung und Gestik scheint die Stimme langsam die Oberhand im Cockpit zu gewinnen, denn es müssen keine stereotypischen Befehle und Schlagworte mehr gesprochen werden, sondern man kann munter drauf los plappern. Das zeigt heute schon Mercedes mit seinem System MBUX (Mercedes-Benz User Experience), das modernste, was es derzeit in einem Serienauto gibt. Debüt hatte MBUX voriges Jahr in der A-Klasse. Auf der CES feiert eine erweiterte Version Premiere zusammen mit dem neuen CLA Coupé. „Der Sprachassistent kann nun deutlich komplexere Anfragen erkennen und beantworten“, sagt Sajjad Khan, Leiter Digital Vehicle & Mobility.

Neu im CLA ist auch ein Interieur-Assistent. Er passt unter anderem die Bildschirminhalte an, sobald sich eine Hand dem Touchscreen nähert. Zudem kann das System zwischen den Bedienwünsche von Fahrer und Beifahrer unterscheiden. Und als besonders cool dürfte die persönliche Favoritenfunktion rüberkommen. Man braucht nur mit Zeige- und Mittelfinger ein „Victory“-V zu spreizen und die Hand ruhig über die Mittelkonsole zu halten. Jeder Befehl kann so hinterlegt oder abgerufen werden.

Text: Michael Specht

Foto: Hersteller

 

 

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